
Spannungsfeld Mensch & Wolf: Welten treffen aufeinander!
Die Rückkehr der Wölfe in die Schweiz bewegt … … zum Beispiel die Gemüter von Landwirten, Naturschützern wie auch Menschen aus Politik und Wirtschaft. Wölfen
Gemeint sind die landwirtschaftlichen Betriebe, im Volksmund auch «Bauernhof» genannt. Die Herausforderungen sind gestiegen. Bauern in Frankreich und Deutschland gehen auf die Strasse und wollen Veränderungen. In diesem Artikel ein Einblick in die Herausforderungen der Schweizer Landwirtschaft.
Die Themen im Überblick:
In den letzten 40 Jahren hat sich die Anzahl der Schweizer Bauernbetriebe mehr als halbiert und ist 2020 erstmals unter 50’000 Betriebe gefallen. Pro Jahr schliessen mehrere Hundert Betriebe. Was können die Gründe dafür sein?
Jungbauer Jörg Büchi legt im Tagesanzeiger-Artikel «Ich arbeite für 8.30 Franken pro Stunde» seinen Lohn offen. 8.30 Franken, wer tut sich so etwas an? Für die meisten Schweizerinnen und Schweizer klingt das sehr unrealistisch. «11.44 Franken» so hoch soll der Lohn des Durchschnittsbauern laut Büchi sein.
Ein Beispiel: Hafermilch liegt im Trend. KonsumentInnen wollen weg von tierischen Produkten. Doch auch Hafermilch ist nicht ganz tierfrei. Gedüngt wird der Hafer mit der Gülle von Kühen. Ein Beispiel für zahlreiche Zielkonflikte. Weniger Tiere zu halten, führe zu mehr Kunstdünger. Bauern können es nicht recht machen, so das Fazit von Büchi.
Wie jeder andere Unternehmer, investieren auch Bauern. Büchi zum Beispiel hat sich ein Stück Land erworben. Ein zinsloses Starthilfedarlehen des Bundes (innerhalb von zehn Jahren rückzahlbar) half ihm, einen Teil der Investitionen zu stemmen. Dazu kommen Schulden gegenüber seinen Eltern und natürlich die Hypothek. Wenn er seine Schulden nicht rasch reduziert, erhält er für zukünftige Investitionen keinen Kredit mehr. Nach Abzug der Zinszahlungen und des Schuldenabbaus und weiteren Kosten bleiben ihm am Schluss 8.30 Franken Stundenlohn - so die Berechnung von Büchi. Für seine Wohnung muss er nichts bezahlen.
Jörg Büchi arbeitet 63 Stunden pro Woche und nimmt sich 10 Tage Ferien im Jahr. Trotzdem will er nicht jammern. Nur aufzeigen. Damit er und seine Mitstreiter besser verstanden werden.
Bauer sei man nicht des Geldes wegen. Trotzdem ist Geld wichtig. So arbeitet er wie viele andere noch in einem Nebenjob. In seinem Fall als Mitarbeiter in einem Treuhandbüro, wo er andere Bauern berät.
Es gehört zum Menschen, dass das, was er nicht kennt, er mit seinem bestehenden Wissen beurteilt. Dass dies oft zu falschen Vorstellungen führt, ist kein Wunder. Kommt noch dazu, dass soziale Medien das Ihre dazu beitragen, wie landwirtschaftliche Betriebe in der Schweiz wahrgenommen werden.
Landwirte wünschen sich mehr Unterstützung. Büchi sagt: «Die Politik stellt immer mehr Erwartungen an uns, aber gegen den Preisdruck der Einzelhändler und die Importe aus dem Ausland gibt es keine Unterstützung.»
4000 Seiten an Gesetzen und Verordnungen regeln die Landwirtschaft in der Schweiz.
Die heutige Landwirtschaft ist gefordert: eine moderne Buchhaltung, erneuerbare Energien, Selbstversorgung fördern und vieles mehr …
Die Landwirtschaft trägt einen grossen Anteil zum Selbstversorgungsgrad der Schweiz bei. Dies auch trotz der wachsenden Bevölkerung. Die Produktion wurde gesteigert und das Kulturland geschützt. Doch geht das immer so?
Die Weltbevölkerung nimmt zu. Immer mehr Menschen müssen ernährt werden können. Die benötigten Nutzflächen jedoch nehmen nicht zu.
Bleibt die Produktionssteigerung durch Technologie und mit Effizienz. Aber: Eine natürliche Umwelt ist anfällig. Klimaveränderungen hinterlassen überall ihre Spuren.
«Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht»,lautet ein bekanntes afrikanisches Sprichwort.
In rauerem Klima wächst unsere Nahrung schlechter.Und trotzdem erwarten wir Konsumenten, dass Landwirte liefern. Auch beim Fleisch haben wir unsere Erwartungen.
Unternehmer suchen oft nach neuen Produkten und Entwicklungsmöglichkeiten, um den Betrieb langfristig sicherzustellen. So auch die Landwirte. Die Suche nach Möglichkeiten, damit ein Betrieb rentiert. Ein Beispiel ist die Milchwirtschaft. Eine normal gefütterte Kuh kann pro Jahr 5000 Kilo Milch geben, was für die Aufzucht von 10 Kälbern reicht.
In den letzten 300 Jahren wurden die Kühe aber so gezüchtet, dass sie mit der eigenen Produktion spielend 20 bis 40 Kälber ernähren könnten.
(Quelle: Sachbuch «Kühe verstehen» – Martin Ott)
Die Lebensaufgabe der sehr sozialen Kuh wurde auf das Fressen und die Milchproduktion reduziert. Denn wer frisst und gebiert, lohnt sich gut (Zucht von Hochleistungstieren). Diese Überproduktion ist sehr fragwürdig und hat nicht mit einem Bedürfnis vom Markt zu tun. Deshalb gibt es auch immer mehr Kritik und mehr landwirtschaftliche Betriebe, die auf Natürlichkeit umstellen. Die Umstellung beginnt im eigenen Kopf. In der Wahrnehmung. Von uns allen. Es ist ein bewusstes Ausbrechen aus dem Alltag, aus der gefühlten Sicherheit. Mit Fragen wie «Was mache ich da überhaupt und will ich das wirklich?» Veränderungen brauchen immer Anfänge. Erste Schritte und den Mut, durchzuhalten.
Produktion erhalten oder erhöhen bei geringerem Aufwand, ist das möglich? Bildet künstliche Intelligenz gar eine Lösung für Arbeiten, die automatisiert durchgeführt werden können? Wie die Melkmaschinen? «Der Schweizer Bauer» verweist im Artikel «Künstliche Intelligenz erkennt ihren Platz in der Landwirtschaft» vom 11.6.2023 auf zwei Einsatzgebiete, wo KI bereits eingesetzt wird.
Da ist zum einen «Künstliche Intelligenz für den Kuhstall». Mit KI sollen mittels Computer-Vision die Kühe re-identifiziert werden, um genau zu wissen, welche Kuh wann was macht. Zum anderen entwickelt Chat-GPT offenbar einen Ernte-Roboter.
Wie weit man KI integrieren will und welchen Nutzen sie wirklich bringt, braucht sicher noch entsprechende Zeit und Erfahrung. Und: Man ist abhängig von einer Entwicklung. Bleibt die Frage, wo man wie Zeit sparen kann. Zum Beispiel bei der Administration, bei der Verwendung eines einfachen landwirtschaftliches Buchhaltungsprogramms, bei der Nutzung von KI für einfachen (!) schriftlichen Verkehr. Manchmal gilt es, den eigenen Alltag zu durchleuchten. Aufwand und Ertrag zu analysieren. Die gute Nachricht: Man hat immer Potenzial, etwas zu vereinfachen.
Eines ist gewiss: Landwirtschaft, Fleisch- und Milchproduktion, Klima und Umwelt bleiben eine Herausforderung.Nicht nur für LandwirtInnen, auch für KonsumentInnen.
Ein Kommentar aus der Reihe «Auch das noch!» von Andreas Räber, GPI®- und Enneagramm-Coach
Niemand hat es gerne, wenn er/sie von aussen bestimmt wird. Unternehmer in der Schweiz werden immer wieder mit Gesetzesänderungen konfrontiert, deren Umsetzung kostenintensiv ist und die sich anfühlen, als würde die eigene Freiheit eingeengt werden. Mehr Vorschriften bedeuten mehr (meist als überflüssig wahrgenommenen) administrativen Aufwand.
Landwirt sein ist so etwas wie Berufung. Das lässt sich nicht anders beschreiben. Wer diese harte Arbeit auf sich nimmt, tut dies nicht einfach so. Da ist die Liebe zu Tier und Natur. Das Wissen, dass man einen wichtigen Beitrag zur Selbstversorgung der Schweiz leistet. Das ist gut so. Das sollten wir Konsumenten schätzen und entsprechend würdigen.
Deshalb sind Subventionen auch gerechtfertigt. Der Nutzen der Landwirtschaft für die Schweizer Bevölkerung ist gross. Einzig die Frage, wo und wie viel muss gestellt werden dürfen.
Die Aufgabe der landwirtschaftlichen Betriebe, die Natur zu schützen und die Versorgung zu unterstützen, erachte ich als zwingend. Es nützt niemanden etwas, wenn synthetische Mittel eingesetzt werden, die der Natur und langfristig auch den Menschen schaden. Die Landwirtschaft wird mit natürlichen Grenzen konfrontiert, die es zu respektieren gilt. Dazu gehört auch die Rückkehr des Wolfes in der Schweiz, ein Tier, das nun mal auch zur Natur gehört. Auch die Natur hat ihre Regeln.
Das oft unflexible Verhalten seitens der landwirtschaftlichen Politik ist oft schwer nachvollziehbar und wirkt sich in der allgemeinen schweizerischen Meinungsbildung eher destruktiv aus. Auch Landwirtschaft darf antastbar sein.
Letztendlich geht es um Ziele und Wege dorthin – um ein Miteinander von Landwirten und Konsumenten. Landwirte müssen unterstützt werden. Sie müssen eine akzeptable Lebensgrundlage haben. Durch Subventionen und den Kauf ihrer Produkte – auch wenn diese in der Schweiz teurer sind als im Ausland. Vielleicht essen wir dann nicht jeden Tag Fleisch. Dafür geniessen wir es dann umso mehr und unsere Gesundheit dankt es uns auch.
Gleichzeitig erwarte ich von Landwirten, dass sie auch bereit sind, unsere einmalige Natur zu schützen. Kein Lebewesen auf der Welt zerstört seinen eigenen Lebensraum, ausser der Mensch. Hier wünsche ich mir als Konsument mehr Initiative und Verständnis für den Umweltschutz von Seiten derer, die ja eigentlich Fachpersonen der Natur sind …
Landwirte und Konsumenten = wir. Wir haben es in der Hand, uns gegenseitig zu würdigen und zu unterstützen. Denn dann haben alle etwas davon. Sogar die Natur.
Der Mensch kann nicht ohne Natur überleben, die Natur ohne den Menschen schon.
© schweiz-kantone.ch, aktualisiert am 28.5.2026, Andreas Räber
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