
Depressionen: Ursachen und Auswirkungen. Behandlung via App?
Depressionen sind bei uns zu einer Volkskrankheit geworden. Vielleicht sind oder waren Sie oder Menschen aus Ihrem Umfeld auch davon betroffen. Da ist diese gedrückte
Vielleicht sind oder waren Sie oder Menschen aus Ihrem Umfeld auch davon betroffen. Da ist diese gedrückte Stimmung, die gar keine richtige Freude mehr aufkommen lässt und der Alltag schleppt sich mühsam dahin. Dabei wünschen wir Menschen uns eigentlich nichts anderes, als mit anderen Menschen verbunden zu sein und unseren Beitrag zu leisten, dass die Welt gut funktioniert. In diesem Artikel finden Sie einen vielleicht etwas anderer Blick auf das Phänomen Depression.
Die Themen im Überblick:
Ganz offensichtlich kommen Depressionen daher mit ihren Leitsymptomen:
Doch auch hinter Anzeichen wie:
Appetitverlust, gesteigerter Appetit, Verdauungsbeschwerden, Herz-Kreislauf-Beschwerden, erhöhte Reizbarkeit, Schlafstörungen, Schuldgefühle, Ängste, Konzentrationsprobleme etc.
kann sich eine Depression verbergen.
Die medizinische Fachwelt geht von der Tatsache aus, dass Depressionen mit einem Ungleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn zusammenhängen. Wenn das stimmt, bleibt die grosse Frage:
Wie kommt es zu diesem Ungleichgewicht?
Es ist erwiesen, dass jeder unserer Gedanken und jede Handlung natürlicherweise eine körperliche Reaktion auslösen. Da ist zum einen unser Nervensystem, das bei Reizen jeglicher Art in Nanosekundenschnelle elektrische Impulse losfeuert und zum anderen gibt es zahlreiche chemische Reize, die unsere Hormondrüsen ausschütten.
Angenehme Situationen wie Verbundenheit, Freude, Erfolg, Offenheit, Neugier bewirken die Freisetzung der Botenstoffe Oxytocin, Serotonin und Endorphine – und werden gleichzeitig wieder von ihnen bewirkt.
Wenn wir beispielsweise mit vertrauten oder vertrauenswürdigen Menschen zusammen sind, sondert unser Gehirn das sogenannte Kuschel- oder Glückshormon Oxytocin ab. Dieses wirkt unter anderem in der Region der Amygdala, auch Angstzentrale genannt. Oxytocin reguliert die Aktivität der Amygdala herunter und öffnet uns noch mehr für Verbundenheit,Vertrauen und sozialen Kontakt. Deshalb wird Ocytocin auch als Bindungshormon bezeichnet. Oxytocin wird auch beim Stillen ausgeschüttet und stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind.
Angst, Stress, Konflikte, Einsamkeit etc. hingegen bewirken, dass Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet werden. Und dies ist eine ebenso gute Sache.
Angst und Stress lassen uns auf Hochtouren laufen, damit wir die Herausforderungen des Lebens meistern können.
Ebenso wichtig ist es jedoch, dass wir nach stressigen Situationen wieder in Phasen der Erholung finden! Ist dies nicht der Fall und bleiben wir über längere Zeit – oder gar chronisch – in einer Übererregung des Nervensystems stecken, dann erschöpfen sich unsere physischen und psychischen Kräfte, was zu diversen Erschöpfungs-Symptomen (darunter auch Depressionen) bis hin zu einem völligen Zusammenbruch führen kann.
In seinem Buch «Der Welt nicht mehr verbunden» benennt Johann Hari als Journalist und selbst Betroffener die wichtigsten Ursachen von Depressionen wie folgt:
Unsere Lebensweise könnte man wohl als fordernd bezeichnen. Bereits an Kinder werden Erwartungen gestellt, wie sie zu sein und sich zu verhalten haben. Erziehung ist etwas sehr Wichtiges – und es müssen ganz klar die altersgerechten Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund stehen!
In unserer Kultur sind Eltern zunehmend enormem wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sowie der Zersetzung der Bindungen in der Gemeinschaft.
Wie oft sind wir in spezifischen Gruppen unterwegs, unter Gleichaltrigen oder Gleichgesinnten und so kann die Wahrnehmung und Ausrichtung einseitig werden. Eine Durchmischung von Alter sowie beruflichem und lebensanschaulichem Hintergrund würde unser Sozialleben auf eine viel breitere Basis stellen.
Wichtig ist das Verbindende, wo jede/r so sein kann, wie er/sie ist. Die jeweiligen Stärken werden geschätzt und die Schwächen gegenseitig getragen.Stattdessen herrscht in Bildung und Wirtschaft ein ständiger Wettbewerb. Dieser Druck belastet nicht selten auch unsere Beziehungen in Partnerschaft und Familie.
Wie steht es um die Beziehungs- und Konfliktfähigkeit von Herrn und Frau Schweizer? Wenn man die Scheidungsrate von ca. 30 Prozent und die vielen Alleinerziehenden und Einpersonenhaushalte betrachtet, haben wir wohl noch Potenzial …
Viele Menschen jeglichen Alters fühlen sich zudem einsam. Weil sie wirklich einsam sind oder weil sie sich, auch wenn sie unter Menschen sind, nicht dazugehörig fühlen. Und virtuelle Beziehungen können diese Lücken nur schlecht ersetzen.
In seinem Buch «Vom Mythos des Normalen» zeigt Gabor Maté auf, warum die Trennung von Körper und Psyche keinen Sinn hat. Er hat eine umfassende Untersuchung der Ursachen von Krankheiten (darunter auch Depressionen) zusammengestellt, die zeigt, wie unsere Gesellschaft diese hervorbringt und begünstigt, zugleich aber auch, wie ein natürlicher Weg zu Gesundheit und Heilung aussehen kann.
Die rein biologische Erklärung für Depressionen stellt er zutiefst infrage. Er stellt klar, dass es keine messbaren körperlichen Anzeichen für Depressionen gibt (wie z. B. Laborwerte oder Hirnscans), da sind nur subjektive Merkmale wie der Beschreibung von Stimmung, Appetit, Schlafverhalten etc.
Häufig seien depressive Symptome ganz normale Reaktionen auf abnormale Umstände.
Die Festlegung auf biologische Ursachen verstärke das Narrativ: Du bist der Einzige, der keine Macht hat. Mit einem vorwiegend biologischen Ansatz für Depressionen begehe die Psychiatrie denselben Fehler wie andere medizinische Fachrichtungen, so Maté.
Bei Depressionen gehe es darum, dass die Ärzte sich über die Lebenserfahrung ihrer Patienten Gedanken machen und sie in die Diagnosestellung und Behandlung mit einzubeziehen.
Antidepressiva sorgen dafür, dass die körpereigenen Neutrotransmitter im Gehirn sich wieder normalisieren.
Gabor Maté bezeichnet die medikamentöse Therapie bei Depressionen als – manchmal äusserst willkommene oder unumgängliche – Symptombekämpfung.
Antidepressiva können keine Heilung herbeiführen, sie jedoch – intelligent eingesetzt – unterstützen und fördern.
Körperliche und psychische Signale erkennen und ernst nehmen (Schmerzen, Müdigkeit, Wut, Traurigkeit, Schlafstörungen etc.)
Schädliche Glaubenssätze erkennen und umlernen, z. B.: «Ich muss (nicht) alles perfekt machen», «Ich darf mir nichts gefallen lassen (?)», «Ich muss mich (nicht) beweisen» etc.
Ganz «ja» und ganz «nein» sagen (lernen):
Zwischen einem überlegten, bewussten «Ja» und einem zwanghaft unterdrückten «Nein» liegt ein gewaltiger Unterschied.
Was möchte durch mich in die Welt kommen? Was hält mich davon ab? Wo muss ich mich (besser) abgrenzen?
Mit lästigen und hartnäckigen Symptomen in Kontakt gehen. Und zwar mit der Frage: «Wie werde ich das los?», sondern mit «Wozu ist es da?». Es gehe darum, sie von Feinden zu Freunden zu machen.
In der Kindheit fungierten gewisse Symptome wie Bodyguards, die dafür sorgten, dass wir so gut wie möglich über die Runden kamen (z. B. Schüchternheit, übermässige Verantwortung, Schuldgefühle, Perfektionismus etc.). Sobald wir uns dessen bewusst sind, dass wir unterdessen erwachsene Menschen sind und für uns selbst sorgen können, können wir diese Leib- und Seelenwächter mit einem Dank und einem Snack in die Pause schicken und ihnen anschliessend sinnvollere Aufgaben zuteilen. Wahrscheinlich werden sie sich dagegen wehren, ihre Schutzfunktion aufzugeben, doch wenn wir entschlossen mit ihnen verhandeln, kann sich mit der Zeit ein zuverlässiges Team bilden.
Mögliche Kommunikation bei Perfektionismus: «Ich entscheide jetzt selbst, wann etwas gut genug ist. Du musst mich nicht mehr andauernd zu Höchstleistungen zwingen. Sorge ab jetzt bitte dafür, dass ich meine Leistungsgrenzen beachte und einhalte».
Seit Juli 2026 ist eine erste App zur Unterstützung bei Depressionen vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) zugelassen und kann von den Krankenkassen rückvergütet werden: Deprexis.
Deprexis soll den Mangel an Therapieplätzen im Bereich der psychischen Gesundheit abfedern helfen. Gemäss einer Evaluation der Universität Bern suchen nur die Hälfte der Personen, die unter psychischen Problemen leiden, auch Hilfe. Und von dieser Hälfte schaffe es wiederum nur die Hälfte – wegen der langen Wartelisten – eine Therapeutin oder einen Therapeuten zu finden.
Das Programm wurde bereits in verschiedenen Ländern getestet und für wirksam befunden, depressive Symptome zu reduzieren. Es bietet Ratschläge auf der Grundlage von Algorithmen, arbeitet aber nicht mit generativer KI. Die Patientinnen und Patienten erhalten – aufgrund ihrer jeweiligen Symptome – programmierte Anweisungen. Beispielsweise werden Übungen gegen negative Gedanken oder Techniken zur Stärkung von positiven Emotionen vorgeschlagen.
Die Anwendung dieser App ist vorerst Erwachsenen mit leichten bis mittelschweren Depressionen vorbehalten. Dies als Ergänzung zu klassischen Therapien, während des Wartens auf eine Behandlung oder zwischen den Sitzungen. In der Fachwelt nimmt die Zulassung der App eher positiv auf. Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) findet, dass wir in der Schweiz im Bereich der digitalen Therapie im Rückstand seien.
Depressionen sind ernst zu nehmende Zustände und potenziell lebensbedrohlich (Suizidalität). Halten wir unsere Sinne offen – für uns selbst und unsere Mitmenschen. Nehmen wir uns und andere ernst und bleiben oder gehen wir in Verbindung. Ohne unsere eigenen Grenzen oder die anderer zu überschreiten. Eine schwierige Aufgabe, die wir als Gesellschaft nur gemeinsam meistern können.
Schweiz-Kantone.ch, 25.8.2026/Tabea Räber
Tabea Räber ist Mitglied des Autorenteams auf schweiz-kantone.ch und anderen Online-Plattformen und begleitet zudem Senior:innen in ihrem Zuhause.

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